Casting und Praxisseminar abgesagt (Stellungnahme)
Nach einer Kampagne gegen mein Praxisseminar an der Universität Augsburg (Konzeption und Realisierung einer Modestrecke), deren Initiatoren und Unterstützer mir nicht einmal bekannt sind, die aber – wie mir telefonisch mitgeteilt wurde – inzwischen sogar die Dekanin der Philologisch-Historischen Fakultät, die Frauenbeauftragte und die Erweiterte Universitätsleitung beschäftigt hat, habe ich das für morgen (Sa., 19.6.2010) anberaumte Casting abgesagt. Auch das Seminar wird in der geplanten Form nicht weiter stattfinden.
Mir wurde als Alternative vorgeschlagen, das Seminar als reine „Trockenübung“ weiter zu machen, d.h. ohne jede Veröffentlichung oder Kooperation mit einem kommerziellen Unternehmen. Das würde das Konzept meines Seminars bis zur Unkenntlichkeit torpedieren, zumal es mehr als unfair gegenüber all denjenigen gewesen wäre, die morgen zum Casting gekommen wären, um sich im Herbst auf einem Magazincover wiederzufinden. Mindestens genauso unfair wäre es gegenüber den Teilnehmern an meinem Seminar gewesen, die sich gerade wegen dieses Praxisbezugs, d.h. des konkreten Ergebnisses einer Veröffentlichung, über die Maßen engagiert hatten.
Damit dieses Debakel durch eine komplette Absage des Seminars nicht auf dem Rücken meiner Studierenden ausgetragen wird, werde ich das Seminar mit reiner und von jeder Kommerzialität geläuterten Theorie ohne jeden Praxisbezug zu Ende führen; die Studenten werden es durch eine konventionelle Hausarbeit abschließen.
Die geplante Fotostrecke werde ich trotzdem schießen, allerdings als freiberuflicher Fotodesigner ohne jede Mitwirkung der und ohne jeden Bezug zur Uni Augsburg. Den Teilnehmern meines Seminars habe ich freigestellt, als Privatpersonen in Form eines Praktikums weiter daran mitzuwirken.
Der Dekanin der Philologisch-Historischen Fakultät habe ich meinen sofortigen Rücktritt von jeder Lehrtätigkeit und jeder sonstigen Tätigkeit an der und für die Universität Augsburg erklärt.
Schriftsätze zu meinem Projekt wurden in den letzten Tagen wohl ohne mein Wissen und ohne die Möglichkeit zur Stellungnahme innerhalb der Universität ausgetauscht, liegen mit aber nicht vor. Prof. Dr. Günter Butzer, der Inhaber der Lehrstuhls, an dem ich dieses Seminar angeboten habe (und dem ich für die Offenheit gegenüber meiner medien-, mode- und werbeaffinen Lehrveranstaltungen in den letzten Jahren zu aufrichtigem Dank verpflichtet bin), hat mich gestern telefonisch über den Stand der Dinge informiert. Der Kern der Kritik besteht wohl (neben moralischen Einwänden gegen Castings schlechthin) in der Tatsache, dass kommerzielle Unternehmen in das Projekt involviert waren.
Seit der Einführung der B.A.-Studiengänge sind Praxismodule ausdrücklich in der Studienordnung vorgesehen. In meinem gegenwärtigen Seminar waren die Teilnehmer in verschiedenste Bereiche involviert (Verlagswesen, Mode und Fotografie); zu Beginn des Semesters stand beispielsweise eine Redakteurin des UNICUM-Verlags Rede und Antwort, und die Designerinnen des Augsburger Newcomer-Labels kafka&tecleab waren einige Male im Seminar, um den Studierenden beim Entwurf der Modestrecke behilflich zu sein. Die Studenten hätten den kompletten Workflow einer professionellen Modestrecke von der ersten Idee bis hin zur Veröffentlichung nicht nur passiv mitbekommen, sondern eigenverantwortlich gestaltet; weder seitens des Verlags, noch seitens des Labels (nicht einmal von meiner Seite) bestanden Vorgaben, wie diese Strecke auszusehen hat. Ich hätte die Fotos am Ende lediglich (nach den Vorgaben meiner Studierenden!!!) geschossen. Die Studierenden hätten die einmalige Möglichkeit gehabt, sich als Creative Directors zu beweisen. Mit dem Verlag war eine einmalige Veröffentlichung vereinbart, weitergehende Nutzungs- und Vermarktungsrechte an den zu erstellenden Aufnahmen wurden für alle Parteien explizit ausgeschlossen.
Letztlich frage ich mich, wie man ein Praxisseminar realisieren soll, wenn die Zusammenarbeit mit Unternehmen aus der Wirtschaft allem Anschein nach nicht erwünscht ist; derartige Kooperationen sind an Hochschulen Gang und Gäbe. Als einfachem Dozenten steht es mir jedoch nicht zu, gegen den Willen offenbar Vieler ein Konzept durchzusetzen, das nicht gewünscht wird.
Was mich weiterhin verwundert, ist die Tatsache, dass die Kritik am Seminar exakt mit der Bekanntgabe des Castings laut wurde. Für mich als Fotodesigner wäre es um ein Vielfaches einfacher gewesen, Modelle einfach über eine Modelagentur zu beauftragen; das Casting wurde von den Studierenden gewünscht, weil sie ein Projekt von Studierenden, für Studierende und mit Studierenden realisieren wollten. Offenbar besteht in den Köpfen der Kritiker eine Verwechslung von einem Casting und einer „Casting-Show“ im Privatfernsehen. Ich finde auch, dass die unzähligen TV-Shows, in denen teils Minderjährige in erniedrigendster Weise „gecastet“ werden, mehr als nur problematisch sind. Aber das sind Formate einer Massenunterhaltung, die mit einem echten Casting nicht verglichen werden können. Foto- und Werbeproduktionen kommen (wie Film und Theater) ohne Castings nicht aus: man sucht einen bestimmten Typen / Ausdruck / Gesicht für ein bestimmtes darstellendes Projekt. Was das mit Verdinglichung von Menschen zu tun haben soll, will sich mir nicht erschließen. Das Casting war offen, d.h. Interessenten konnten ohne Anmeldung vorbeikommen, aber es war nicht öffentlich: im Hörsaal wäre nur die Jury gesessen; kein grölendes Publikum, niemand der „Oh Mann siehst du Scheiße aus“ plärrt o. dgl. Dass dabei bestimmte Konfektionsgrößen ausgeschrieben wurden, war nicht als Affirmation eines (wie auch immer gearteten) Schönheitsideals gedacht, sondern rührt ganz pragmatisch daher, dass die Musterkollektion, die wir für die Aufnahmen zur Verfügung hatten, nun einmal in dieser Größe geschneidert war (es handelt sich um Einzelstücke); da schien es uns unfair, das nicht auch so anzugeben und Interessenten anreisen zu lassen, die diesen Größen nicht entsprechen.
Ich bin mir darüber im Klaren, dass mein Standpunkt bezüglich dem Verhältnis von Universität und Praxis bzw. Wirtschaft nicht überall Zuspruch findet, das erwarte ich auch gar nicht. Aber immer nur gegen das Bestehende zu sein schien mir bereits als Student kein für mich wünschenswerter Weg. Dass die Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaften in Augsburg von Vielen anscheinend allein als kritische gesehen wird, habe ich in den letzten Wochen verstanden; so wichtig diese Kritik auch ist, und so sehr sie an eine Universität unabdingbar gehört, so weltfremd mutet sie mir manchmal auch an. Auch wer die Unterhaltungsindustrie kritisieren möchte, sollte sie zumindest kennen.
In den letzten drei Jahren, in denen ich an der Uni Augsburg unterrichtet habe, lag mir immer daran, einen Praxisbezug in meinen Seminaren herzustellen, und die Reaktionen der Studierenden waren auch deswegen immer sehr positiv. Ich sehe meine Studenten zu einem guten Stück auch als Kunden, schließlich zahlen sie Gebühren für ihr Studium. Ich halte es schlechthin für fatal, Absolventen ohne jede Vorbereitung auf das Berufsleben in selbiges zu entlassen.
Die Solidaritätsbekundungen bereits in den ersten Stunden nach Bekanntgabe meiner Entscheidung gestern abend waren überwältigend. Mein Projekt hatte auch viele Befürworter an der Uni. In diesem Sinne verbleibe ich in positiver Erinnerung an drei Jahre Lehrtätigkeit mit engagierten, kreativen und frei denkenden KollegInnen und Studierenden.
Thomas Sing
Tags: b.a., cancelled, casting, Modestrecke, praxisseminar, uni augsburg
June 18th, 2010 at 12:53 pm
[...] Sing Photography « Lonesome Hours Casting und Praxisseminar abgesagt (Stellungnahme) [...]
June 18th, 2010 at 12:54 pm
[...] Begründung HIER. [...]
June 18th, 2010 at 1:00 pm
[...] Begründung HIER. [...]
June 18th, 2010 at 1:47 pm
Schade, einfach nur schade. Ich frage mich wirklich, was manche Leute an der Uni glauben – was kann man mit einem geisteswissenschaftlichen Studium in der freien Wirtschaft großartig machen, wenn man nicht an der Uni bleiben will?
Es wird doch immer groß gepredigt, dass Praktikas das A und O sind, weil man ohne Praktikas nunmal nicht qualifiziert genug ist.
Es ist nicht in Ordungn, den Studenen dermaßen Steine in den Weg zu legen. Dieses Seminar wäre eine Chance gewesen, ein Praktikum mit dem normalen Studienalltag zu vereinbaren. Die Semesterferien geben ja dank Bachelor-Reform und mindestens 3 oder 4 Hausarbeiten kaum noch Zeit für solche “Extras” her.
Richtig Schade, Thomas, ich denke, wir werden dich vermissen.
June 18th, 2010 at 2:19 pm
Schade.
Ich bin mir sicher, dass es einige Hochschulen gibt, die sich über solchen qualifizierten und kreativen Angebote freuen würden. Wenn die staatlichen noch nicht so weit sein sollten, zumindest die privaten. Sie verkaufen zumindest den Bezug zur Praxis meistens recht teuer.
Ich wünsche den Studierenden, dass die neuen Studiengängen schnell geeigneten Möglichkeiten bieten können, reale Praxismodule einzuführen. Denn es nutzt wirklich wenig, an einem hypothetischen Projekt zu arbeiten. Genuaso so wenig braucht man ein Praktikum, in dem man nur Kaffee kocht.
Eigentlich hätte man über diese Themen vor Einführung der BAs diskutieren müssen.
June 18th, 2010 at 2:36 pm
Welch verpasste Chance!
Weder als ehemalige Literatur- und Sozialwissenschaftsstudentin, noch als Modeschaffende, noch als Journalistin kann es mir ansatzweise begreiflich erscheinen, aus welchen Gründen solch ein Projekt zunichte gemacht wird.
Dieses Seminar kann mit Sicherheit als eines der Innovativsten an der phil.-hist. Fakultät gesehen werden.
Für die Studierenden bot sich eine Chance, die alles andere als alltäglich ist und die in deren späteren Bewerbungen mit Sicherheit ein Glanzpunkt der Referenzen wäre. Dass die Universität sich – aus unbegreifbaren und in sich unschlüssigen Gründen – dazu entschließt, so etwas zu unterbinden, beweist wohl leider eine gewisse Abwehrhaltung gegenüber richtungsweisenden und innovativen Ideen.
Dass dies in solch unfairer und untransparenten Weise geschieht, dass ein Dozent seine Lehrtätigkeit aufgibt, finde ich schlichtweg unhaltbar.
Welch verpasste Chance – für die Universität und für die Studenten! Toll, dass die weiter an dem Projekt mitarbeiten können!
Welch verpasste Chancen für die Uni und ihr eigenes Image, ihr eigenes Angebot und ihre eigenen Studenten – Schade für die Uni. Sie hat aber offensichtlich in dieser Hinsicht nichts anderes verdient.
June 22nd, 2010 at 8:13 pm
Eine unglaubliche Schweinerei die hier abläuft. Man kann zurecht von einer Kampagne seitens der Universitätsleitung sprechen. Anscheinend sind engagierte und praxisorientierte Dozenten denen da oben ein Dorn im Auge. Wozu diese ganze elende Studiererei, wenn man sein ganzes erworbenes Wissen nicht während des Studiums schon praxisnah anwenden lernt. Was haben wir Geisteswissenschaftler nach 6 Semestern schon für Chancen? So gut wie keine. Anscheinend hat sich auch niemand die Mühe gemacht sich mit dem Projekt thematisch tiefer gehend auseinanderzusetzen. Stattdessen werden Personen auf die übelste Art und Weise verunglimpft. Typisch für diesen (… von mir entfernt… T.S. ) von Unileitung, der all seine universitären Bestrebungen nur auf seinen Machterhalt hin ausrichtet. Wie gesagt ich bin sehr schockiert über diese ganze Sache und weiß nicht was ich weiter groß dazu sagen soll. Ich werde auf jeden Fall nach meinem Bachelor Augsburg den Rücken kehren.
June 22nd, 2010 at 10:09 pm
omg, da macht einer ein Casting, und dank des überdurchschnittlichen und unhinterfragten TV Konsums einiger, denkt nun jeder TV Dauerkonsument, jedes CASTING bestünde aus Beleidigungen und Denunzieungen armer unschuldiger (ja wir wissen alle, dies sind sie nichtmal) kleiner (auch das sind sie nicht) kinder.
Ich dachte immer das Fernsehen wäre dazu da, Wirklichkeiten abzubilden und nicht Wirklichkeiten vor zu diktieren.
Heutzutage muss man wohl bei jeder Aktion nicht nur mit Problemen, sondern auch noch mit der Dummheit und Verbohrtheit anderer rechnen.
Was daran Sexismus sein soll, ist mir jetzt ein Rätsel. Ich dachte Sexismus bestünde in geschlechtsspezifischer Benachteiligung im Beruf, und Rollenvorgaben auf Grund des Geschlechts. (Frauen gehören Mütter zu sein und hinterm Herd zu stehn.)
Wenn sich Studenten aus freier selbstbestimmung heraus dazu entscheiden, sich ablichten zu lassen, ist das kein Sexismus.
Ich habe echt nichts gegen Gleichstellung und Emanzipation aber an JEDER Ecke Sexismus zu sehn, wirft ein eher verzerrendes Bild auf die sich beschwerenden.
Ganz im gegenteil handelt es sich hier seitens der gremien geradezu um faschistoid anmutende gebärden, wenn man anderen mündigen Menschen vorschreiben möchte, was sie für seminare besuchen dürfen und desweiteren wie Dozenten diese Moral-Gerecht zu gestaltet haben.
Ich kann es hier nurnoch mal wiederholen: der Grund ist einfach nur:
Man nimmt hier CastingSHOWS ala Bohlen und Heidi Klum(p) als Anlass ALLES was sich nun Casting nennt zu torpedieren, weil man , ach ihr wisst schon.
Wissen solche leute eigentlich, das ein Casting etwas ganz normales ist und NICHT so abläuft wie in der Dummglotze? aber warscheinlich denken solche Leute auch, bei Gerichtsschows wird sich ständig geprügelt und das das wahre Leben so aussieht, wie in GZSZ.
Die leute, die sich sich beschwert haben, ebenso wie diese, die sich vorschnell haben zu handlungen hinziehn lassen, demonstrieren nur ihre TV bedingte Verblödung, oder wies politisch korrekt heissen muss: Entklugung.
an die Damen und Herren ein ernstgemeintes: Schalten sie mal wieder AB!
June 22nd, 2010 at 11:11 pm
Arme Bosse…
An unseren Universitäten werden Menschen “ausgebildet”, die in der Wirtschaft nur theoretisch einen Platz haben. Die Ausbildung der Diplomierten und die Heranführung an die Wirklichkeit wird dann auf die Schultern der Unternehmer gepackt. Großes Lob an Querdenker wie Thomas Sing, die praxisnahe Workshops anbieten und den Stundenten an realen Projekten den Sinn und Zweck ihres Studiums nahebringen. Nebenbei kann es für jeden von uns nur Belohnung bedeuten, wenn Arbeiten nicht nur für den Mülleimer produziert werden. Schade eigentlich, dass es den Studenten von Herrn Sing versagt bleibt, den gerechten Erfolg, nämlich Anerkennung durch interessierte Unternehmen, versagt bleibt. Als Unternehmer kann ich den Bedenkenträgern nur mein Bedauern ausdrüchken. Ein gutes Beispiel dafür, wie schwer Veränderungen in eigefahrenen Systemen sind. Viel Glück Thaomas Sing und weiter so. Gute Besserung den Bedenkenträgern in Ihrer kleinen Kranken Welt.
June 27th, 2010 at 8:46 am
ich bin einfach nur entsetzt darüber, was für entwicklungen dieses projekt an der uni nach sich gezogen hat! und vor allem über deren konsequenz, dass Thomas Sing die Segel gestrichen hat!
ich halte das für einen sehr großen verlust der uni, da er einer der wenigen dozenten in der geistewswissenschaft ist, der sich auch einmal traut, etwas neu anzupacken und ein thema auch einmal mutig von einer anderen seite her aufzurollen. ich glaube gerade in den geisteswissenschaften hat man es als dozent nicht immer leicht, wenn man versucht, ihr altes verstaubtes image zu verändern und zu zeigen, dass es durchaus noch andere wege gibt, die geisteswissenschaften für bestimmte lebensbereiche fruchtbar zu machen…und da empfinde ich es als sehr schade, wenn von seiten der Universitätsleitung sowenig unterstützung für solches engagement gezeigt wird.
ich frage mich ernsthaft, was das eigentlich für ein system im umgang mit mitarbeitern ist, das hier an den tag gelegt wird? wo bleibt da die loyalität?… (ja nicht nur die mitarbeiter sollten loyal zu ihrem unternehmen sein, auch das unternehmen sollte im gegenzug den gleichen charakterzug aufweisen können)…natürlich ist es völlig in ordnung als gleichstellungsbeauftragte zweifel zu haben und diese auch zu äußern, dafür hat man solch einen posten schließlich auch übernommen. aber was ganz und gar nicht in orndung ist, ist seine stellung dann auszunutzen und unter dem deckmantel der gleichstellung althergebrachte vorurteile öffentlich neu aufzurollen und damit einen eigenen kollegen in den medien zu diffamieren! der erste schritt häte sein müssen, bei eventuellen zweifeln direkt mit den verantwortlichen in kontakt zu treten und mit ihnen rücksprache zu halten, bevor überhaupt irgendetwas an die öffentlichkeit hätte weitergegeben werden dürfen! Da stellt sich mir wirklich die frage, wer sich in diesem zusammenhang eingeltich unmöglich gemacht hat? schließlich sollte man doch davon ausgehen können, dass ein wissenschaftliches seminar, dass durch die phase der konzeptionierung gekommen ist und von den verantwortlichen damit als gut und wert, druchgeführt zu werden, befunden wurde, einen gewissen anspruch hat und es nicht darauf anlegt, irgendjemanden zu diskriminieren. (ist natürlich die frage, ob die vorwürfe des seximsus auch dann laut geworden wären, wenn es anstelle eines mannes eine frau gewesen wäre, die das praxisseminar leitet?)
und natürlich hätte Herr Sing nicht zurücktreten müssen, wie es die pressestelle der uni kommentiert hat, schließlich gäbe es rein objektiv betrachtet dazu auch überhaupt keine veranlassung, aber es ist zumindest für mich völlig verständlich, dass er es getan hat (so sehr ich persönlich das auch bedauere), denn wer sieht schon noch einen sinn darin, für eine institution zu arbeiten, die einen komplett im regen stehen lässt und einen dazu, als dank, dass man versucht mutig etwas neues zu machen, dann auch noch öffenltich – und völlig grundlos – ins messer wirft.
was soll denn aus den geisteswissenschaften werden, wenn jeder versuch sie zu erneuern und im deleuzianischen sinnne dadurch geistesblitze zwischen den unterschiedlichen bereichen zu schaffen schon von universitärer seite her torpediert anstatt befürwortet wird?!?ich dachte immer eine aufgabe der uni sei es auch, den mut im denken und die kreativität zu fördern (softskills wäre dafür wohl das schlüsselwort), sodass die studenten nach ihrer ausbildung in der lage sind, frei und eigenständig (und vor allem reflektiert) zu denken und nicht vorsintflutliche denkmuster und vorurteile reproduzieren müssen, da querdenker an einer universität anscheinend unerwünscht sind!
July 9th, 2010 at 12:28 am
„Ein Kulturkampf: die Häßlichkeits- gegen die Schönheitskomplizen (die hoffnungslos in der Minderzahl). Jene, die lüstern auf das Erhabene sind, es aber nur brauchen, um die Reize der Verkehrung zu kosten. Und diese anderen, die Untenstehenden auf Zehenspitzen, die davon leben, überwältigt zu werden. […] Das Häßliche ist zu verstehen, das Schöne nicht.“
(Botho Strauß: Der Untenstehende auf Zehenspitzen)
Ein großes Thema, fürwahr – unendlicher Diskussionsstoff. Ganz offenbar gehört die Pflege auf Argumenten basierender Diskussionen aber leider nicht zum Arbeitsethos etlicher Wissenschaftler. Hauptsächlich aus diesem Grund empfinde ich das das bisherige Auftreten einiger Universitätsangehöriger und das Verhalten mancher „Kollegen“ Thomas Sings in dieser Sache rundheraus beschämend!
Bei aller „entschlossenen Borniertheit“ (Th. W. Adorno, Minima Moralia, Aph. 1), Ignoranz und Intoleranz gegenüber jedweder vom akademischen Mainstream abweichenden Form des (Weiter-)Denkens hätte ich nicht für möglich gehalten, in welch monströser, verächtlicher Form sich die „totalitäre Einigkeit“ (ebd., Vorrede) der Agenten der selbstverordneten Bezuglosigkeit der Geisteswissenschaften noch zu erkennen geben würde.
Dass seitens der Initiatoren dieser Kampagne, die in ihrem Anonymbleiben und der Verweigerung jeglicher Debatte den schlagenden Beweis für ihre begriffsenthobene Selbstgerechtigkeit liefern, hinter vorgehaltener Hand ausgerechnet Adornos Kritik der Kulturindustrie ins Feld geführt wird, offenbart dabei eine geradezu himmelschreiende, geistige Laxheit. Mit bis zur völligen Unkenntlichkeit verdinglichten und dekontextualisierten Begriffen der Kritischen Theorie wird von diesen Damen- und Herrschaften ein überkommenes, institutionalisiertes System „Universität“ affirmiert, das sich – sehenden Auges, aber vollkommen bewusst-, weil begriffslos – von der Wissensindustrie und der diese perpetuierenden Bildungspolitik anderer- und leider bedeutsamererseits längst in ein Unternehmen hat verwandeln und bis zum Offenbarungseid hat ausverkaufen lassen.
Anstelle den fortschreitenden ökonomischen UnGeist unerschrocken beispielsweise beim Namen des Hochschulrats zu nennen, kostet die untergründige Miliz der bestehenden Verhältnisse auf einem geradezu lächerlich bedeutungslosen Nebenkriegsschauplatz die besagten Reize der Verkehrung an der Demontage eines jungen Dozenten, der durch die perfide Rhetorik der Negativität zum Inbegriff genau desjenigen Machtdiskurses hochstilisiert wird, dem sich die Agitatoren offenbar längst ergeben haben, ohne dies auch nur noch zu bemerken … Ist ja auch klar, denn „wer sich nicht bewegt“ – und Thomas Sing hat sich bewegt – „der spürt seine Fesseln auch nicht“. (Danke, F.S.!)
Als nachgerade einzig öffentlich wahrnehmbare Spitze dieses postdialektischen Müllbergs äußerte sich im vorliegenden Fall dann zuletzt die Frauenbeauftragte der Universität Augsburg, Frau Prof. Dr. Hildegard Macha – und zwar ausgerechnet in der Stadtzeitung, jener kosten-, und journalistisch fast wertlosen Publikation, die genau jenes degoutante Boulevardniveau repräsentiert, gegen das die selbsterklärten Wächter des gebildeten Geschmacks und die „Schutzinstanz“ der armen wehr- und willenlosen Studierenden vorgeblich vorgehen möchten.
Dass darin die Gegenposition bis zur eigens verfassten Stellungnahme Thomas Sings, ebenso wie in den Gremien der Universität, nicht in einem einzigen Satz zu Wort kam, enlarvt ineins das journalistische Grundschlickniveau dieses Blattes und die Schwäche der Argumente der Castinggegner, die vermutlich wissentlich keiner noch so banalen Gegenfrage standhalten würden und sich deshalb der Kritik mit Bedacht entziehen.
Dass Frau Prof. Dr. Macha – noch nachdem Thomas Sing die Veranstaltung längst abgesagt hatte – in besagtem Artikel in aller Öffentlichkeit nachtritt und einen Angehörigen der von ihr vertretenen Universität, ohne jemals auch nur ein einziges Wort mit ihm gewechselt zu haben, des „hochgradigen Sexismus“ und der „Instrumentalisierung“ seiner Studierenden bezichtigt, gehört rechtfertiger Weise aber auch gar nicht mehr in den universitären Diskurs, sondern auf der Tisch der Staatsanwaltschaft zum Zwecke der Prüfung des Tatverdachts der Üblen Nachrede – zumal es Frau Prof. Dr. Macha offenbar nicht im Geringsten interessiert, welcher Schaden Thomas Sing in seiner jetzigen Position als freiberuflichem Fotografen durch die öffentliche Erhebung dieser Anschuldigung entstehen kann. Wobei die Kernfrage, was denn bitte eine Frauenbeauftragte für eine Legitimation hat, sich überhaupt und dann noch in derart überzogener Weise zu äußern, noch überhaupt nicht gestellt werden durfte – angesichts einer Veranstaltung für Studentinnen und Studenten, bei der Jurorinnen und Juroren auf Bewerberinnen und Bewerber getroffen wären. Besonders die weiblichen Beteiligten sind insofern aufgefordert, sich von dieser Form identifikatorischer und wahrlich instrumentalisierender „Vertretung“ zu distanzieren. („Shoots rippin’ zoots / Shots of red mist / [Sing’s] blood on the deck / Come sister, resist!” – Rage Against The Machine: People Of The Sun, Evil Empire 1996).
Dass im Weiteren die Diffamierung eines bei seinen Studierenden höchst geschätzten und bei den Kollegen, die ihn kennen, hoch angesehenen Dozenten und die ebenso bedauerliche wie verständliche Konsequenz seines Austritts aus der Universität dann seitens der Frauenbeauftragten auch noch triumphierend zum „Sieg der Vernunft“ (welch unkritische Formulierung, nicht nur nach Foucault, sondern besonders auch nach Adorno!) erklärt wird, führt geradewegs an Punkt der vorschnellen Aufhebung, an dem man „die Ausmerzung der Differenz unmittelbar als Sinn ausschreit“ (ebd.). Ganz zu schweigen von der damit offengelegten Realität hinter der so gern gebrauchten Worthülse der „Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses“, die in diesem Fall darin besteht, sich eines ehemaligen 1,0-Absolventen beim Anlass dessen erster wahrnehmbarer „Abweichung“ von den sanktionierten Lehrformen dieser Fakultät ohne Gegenrede überhaupt hinzunehmen zu entledigen.
Das mag unter anderem daran liegen, dass Thomas Sings Seminare ein Niveau vorgegeben haben, auf dem die meisten Kollegen hinsichtlich der pädagogischen Dignität, der kulturkritischen Relevanz und der wissenschaftlichen Versiertheit nie und nimmer mithalten können. Damit derlei Auswüchse nicht die ansonsten so beruhigende Gleichförmigkeit des Lehrablaufs stören, sei für das nächste „Casting“(!) neuer Dozenten zu prüfen empfohlen, ob diese auch in das gewünschte Standardmaß des Augsburger Philologisch-Historischen Denkkorsetts passen! Das gewährleistet die schnellere Austauschbarkeit von Dozenten, die sich in ungebührlicher Weise engagieren und ihren angepassteren Kollegen die studentische „Kundschaft“, ja: abwerben!
So werden die Geisteswissenschaften zu ihrem eigenen Leidwesen wieder einmal von einigen ihrer eigenen (und nicht den besten!) Repräsentanten desavouiert, die neben einer nur noch als beschämend zu bezeichnenden Intrigantheit einen erschreckenden Mangel derjenigen Fähigkeit offenbart haben, die die eigentliche Kernkompetenz jeglicher (geistes-)wissenschaftlicher Begriffsarbeit darstellt: das Differenzierungsvermögen! Diejenigen die ein Casting, dessen Seriosität Thomas Sings gediegene Qualifikationen als Fotograf und Dozent ohne jeden Zweifel garantiert hätten, mit einer bloß irgend geratenen, „sexistischen Veranstaltung“ des Privatfernsehens vergleichen, sind schließlich dieselben, die solcherlei nur oberflächlich “Zeitgemäße Betrachtungen” mit dem im universitären Diskurs mittlerweile bis zum Erbrechen perpetuierte Begriff „Pop“ assoziieren, der in etwa so trennscharf ist, dass er auf ein Konzert von Slayer noch genauso gut passt wie auf den philologich-historischen Musikantenstadl … oder eben auf Castingshows.
Dabei muss man sich doch ernstlich fragen, wer eigentlich mit den immer gleichen, oft sogar zyklisch wiederholten Lehrinhalten die Goethe- und Shakespeare-Industrie antreibt und damit fröhlich im monotonen Rhythmus des tatsächlichen akademischen Mainstream-Pop mitgroovt!
Es ist ja durchaus (wiederum hinsichtlich eines rein ökonomischen Kalküls) verständlich, dass die Universität als ihr Refugium von denen verteidigt werden will, denen jeglicher progressive Begriff von Geist&Wissenschaft von vornherein suspekt sein muss, da ihnen ihrerseits jede Kreativität und Risikobereitschaft im Denken abgeht, die sie außerhalb der Lebenszeitverbeamtung überleben ließe. Ich zweifle aber daran, dass diese Leute dazu imstande sein sollen, jene „kritische“ (und das heißt zuallererst „differenzierende“) Aufgabe adäquat zu erfüllen, die sie von der Universität so beharrlich einfordern. Nunmehr wartet die Öffentlichkeit aber noch gespannter als vor dem völlig unnötigen Artikel in der Stadtzeitung, wer sich zu den besagten Vorfällen wie äußert und mit welchen Gründen. So gilt doch schließlich: qui tacet, consentire videtur! Oder deutlicher gesagt: “You are either a part of the solution, or you’re a part of the fuckin’ problem!” (Zack de la Rocha, Rage Against The Machine).
Besonders Letztgenannte seien damit nachdrücklich aufgefordert, überhaupt einmal sich zu erkennen zu geben und sich der Kritik, die angeblich unser aller Anliegen sei, zu stellen …
„Shackle your mind when you’re bent on the cross
When ignorance reigns
Life is lost!” (RATM: Township Rebellion, 1992)
July 20th, 2010 at 4:12 pm
[...] die ursprünglich als Seminar an der Uni Augsburg geplant gewesen war und vor einem Monat für diesen Skandal gesorgt hatte. Nachdem ich meine Lehrtätigkeit dann als Konsequenz daraus beendet hatte (obwohl [...]