Nach einer Kampagne gegen mein Praxisseminar an der Universität Augsburg (Konzeption und Realisierung einer Modestrecke), deren Initiatoren und Unterstützer mir nicht einmal bekannt sind, die aber – wie mir telefonisch mitgeteilt wurde – inzwischen sogar die Dekanin der Philologisch-Historischen Fakultät, die Frauenbeauftragte und die Erweiterte Universitätsleitung beschäftigt hat, habe ich das für morgen (Sa., 19.6.2010) anberaumte Casting abgesagt. Auch das Seminar wird in der geplanten Form nicht weiter stattfinden.
Mir wurde als Alternative vorgeschlagen, das Seminar als reine „Trockenübung“ weiter zu machen, d.h. ohne jede Veröffentlichung oder Kooperation mit einem kommerziellen Unternehmen. Das würde das Konzept meines Seminars bis zur Unkenntlichkeit torpedieren, zumal es mehr als unfair gegenüber all denjenigen gewesen wäre, die morgen zum Casting gekommen wären, um sich im Herbst auf einem Magazincover wiederzufinden. Mindestens genauso unfair wäre es gegenüber den Teilnehmern an meinem Seminar gewesen, die sich gerade wegen dieses Praxisbezugs, d.h. des konkreten Ergebnisses einer Veröffentlichung, über die Maßen engagiert hatten.
Damit dieses Debakel durch eine komplette Absage des Seminars nicht auf dem Rücken meiner Studierenden ausgetragen wird, werde ich das Seminar mit reiner und von jeder Kommerzialität geläuterten Theorie ohne jeden Praxisbezug zu Ende führen; die Studenten werden es durch eine konventionelle Hausarbeit abschließen.
Die geplante Fotostrecke werde ich trotzdem schießen, allerdings als freiberuflicher Fotodesigner ohne jede Mitwirkung der und ohne jeden Bezug zur Uni Augsburg. Den Teilnehmern meines Seminars habe ich freigestellt, als Privatpersonen in Form eines Praktikums weiter daran mitzuwirken.
Der Dekanin der Philologisch-Historischen Fakultät habe ich meinen sofortigen Rücktritt von jeder Lehrtätigkeit und jeder sonstigen Tätigkeit an der und für die Universität Augsburg erklärt.
Schriftsätze zu meinem Projekt wurden in den letzten Tagen wohl ohne mein Wissen und ohne die Möglichkeit zur Stellungnahme innerhalb der Universität ausgetauscht, liegen mit aber nicht vor. Prof. Dr. Günter Butzer, der Inhaber der Lehrstuhls, an dem ich dieses Seminar angeboten habe (und dem ich für die Offenheit gegenüber meiner medien-, mode- und werbeaffinen Lehrveranstaltungen in den letzten Jahren zu aufrichtigem Dank verpflichtet bin), hat mich gestern telefonisch über den Stand der Dinge informiert. Der Kern der Kritik besteht wohl (neben moralischen Einwänden gegen Castings schlechthin) in der Tatsache, dass kommerzielle Unternehmen in das Projekt involviert waren.
Seit der Einführung der B.A.-Studiengänge sind Praxismodule ausdrücklich in der Studienordnung vorgesehen. In meinem gegenwärtigen Seminar waren die Teilnehmer in verschiedenste Bereiche involviert (Verlagswesen, Mode und Fotografie); zu Beginn des Semesters stand beispielsweise eine Redakteurin des UNICUM-Verlags Rede und Antwort, und die Designerinnen des Augsburger Newcomer-Labels kafka&tecleab waren einige Male im Seminar, um den Studierenden beim Entwurf der Modestrecke behilflich zu sein. Die Studenten hätten den kompletten Workflow einer professionellen Modestrecke von der ersten Idee bis hin zur Veröffentlichung nicht nur passiv mitbekommen, sondern eigenverantwortlich gestaltet; weder seitens des Verlags, noch seitens des Labels (nicht einmal von meiner Seite) bestanden Vorgaben, wie diese Strecke auszusehen hat. Ich hätte die Fotos am Ende lediglich (nach den Vorgaben meiner Studierenden!!!) geschossen. Die Studierenden hätten die einmalige Möglichkeit gehabt, sich als Creative Directors zu beweisen. Mit dem Verlag war eine einmalige Veröffentlichung vereinbart, weitergehende Nutzungs- und Vermarktungsrechte an den zu erstellenden Aufnahmen wurden für alle Parteien explizit ausgeschlossen.
Letztlich frage ich mich, wie man ein Praxisseminar realisieren soll, wenn die Zusammenarbeit mit Unternehmen aus der Wirtschaft allem Anschein nach nicht erwünscht ist; derartige Kooperationen sind an Hochschulen Gang und Gäbe. Als einfachem Dozenten steht es mir jedoch nicht zu, gegen den Willen offenbar Vieler ein Konzept durchzusetzen, das nicht gewünscht wird.
Was mich weiterhin verwundert, ist die Tatsache, dass die Kritik am Seminar exakt mit der Bekanntgabe des Castings laut wurde. Für mich als Fotodesigner wäre es um ein Vielfaches einfacher gewesen, Modelle einfach über eine Modelagentur zu beauftragen; das Casting wurde von den Studierenden gewünscht, weil sie ein Projekt von Studierenden, für Studierende und mit Studierenden realisieren wollten. Offenbar besteht in den Köpfen der Kritiker eine Verwechslung von einem Casting und einer „Casting-Show“ im Privatfernsehen. Ich finde auch, dass die unzähligen TV-Shows, in denen teils Minderjährige in erniedrigendster Weise „gecastet“ werden, mehr als nur problematisch sind. Aber das sind Formate einer Massenunterhaltung, die mit einem echten Casting nicht verglichen werden können. Foto- und Werbeproduktionen kommen (wie Film und Theater) ohne Castings nicht aus: man sucht einen bestimmten Typen / Ausdruck / Gesicht für ein bestimmtes darstellendes Projekt. Was das mit Verdinglichung von Menschen zu tun haben soll, will sich mir nicht erschließen. Das Casting war offen, d.h. Interessenten konnten ohne Anmeldung vorbeikommen, aber es war nicht öffentlich: im Hörsaal wäre nur die Jury gesessen; kein grölendes Publikum, niemand der „Oh Mann siehst du Scheiße aus“ plärrt o. dgl. Dass dabei bestimmte Konfektionsgrößen ausgeschrieben wurden, war nicht als Affirmation eines (wie auch immer gearteten) Schönheitsideals gedacht, sondern rührt ganz pragmatisch daher, dass die Musterkollektion, die wir für die Aufnahmen zur Verfügung hatten, nun einmal in dieser Größe geschneidert war (es handelt sich um Einzelstücke); da schien es uns unfair, das nicht auch so anzugeben und Interessenten anreisen zu lassen, die diesen Größen nicht entsprechen.
Ich bin mir darüber im Klaren, dass mein Standpunkt bezüglich dem Verhältnis von Universität und Praxis bzw. Wirtschaft nicht überall Zuspruch findet, das erwarte ich auch gar nicht. Aber immer nur gegen das Bestehende zu sein schien mir bereits als Student kein für mich wünschenswerter Weg. Dass die Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaften in Augsburg von Vielen anscheinend allein als kritische gesehen wird, habe ich in den letzten Wochen verstanden; so wichtig diese Kritik auch ist, und so sehr sie an eine Universität unabdingbar gehört, so weltfremd mutet sie mir manchmal auch an. Auch wer die Unterhaltungsindustrie kritisieren möchte, sollte sie zumindest kennen.
In den letzten drei Jahren, in denen ich an der Uni Augsburg unterrichtet habe, lag mir immer daran, einen Praxisbezug in meinen Seminaren herzustellen, und die Reaktionen der Studierenden waren auch deswegen immer sehr positiv. Ich sehe meine Studenten zu einem guten Stück auch als Kunden, schließlich zahlen sie Gebühren für ihr Studium. Ich halte es schlechthin für fatal, Absolventen ohne jede Vorbereitung auf das Berufsleben in selbiges zu entlassen.
Die Solidaritätsbekundungen bereits in den ersten Stunden nach Bekanntgabe meiner Entscheidung gestern abend waren überwältigend. Mein Projekt hatte auch viele Befürworter an der Uni. In diesem Sinne verbleibe ich in positiver Erinnerung an drei Jahre Lehrtätigkeit mit engagierten, kreativen und frei denkenden KollegInnen und Studierenden.
Thomas Sing